Immer öfter frage ich mich in einer Mischung aus Faszination, Ekel, Furcht und ungläubigem Staunen – in was für einer Zeit leben wir eigentlich? Mit dieser Frage bin ich bestimmt nicht allein. Allerdings dürften die Antworten, die Denkrichtung und die Wahrnehmung sich hierbei deutlich von der Generation meiner Eltern und vor allem der meiner Kinder unterscheiden.

Wir leben in einer Welt, in der alles auf den Konsum ausgerichtet und abgestimmt ist. In der sogar die Liebe in immer stärkerem Ausmaß online gedatet und konsumiert wird. In einer Zeit, in der der Mensch auf das Äußere, seinen Habitus und seinen Gestus reduziert wird. Wir leben in einer Zeit, in der Ehrlichkeit als Schwäche ausgelegt wird, in der die Lügner und Selbstdarsteller auf Händen durch den multimedialen Raum getragen werden. Wir leben in einer intervernetzten Zeit, in der wir in Lebensdesigns gepresst in die Welt geworfen werden, um am Ende doch allein zu sterben.

Wir sehen die Welt nicht wie sie ist, sondern wir sehen die Welt so wie wir sind oder wie wir gerne sein wollen. Wir behandeln die Mitmenschen nicht wie sie sind. Wir behandeln sie so, wie wir sie gerne hätten. Passen sie nicht in unser Raster, so behandeln wir sie schlecht. Gefällt uns ein Selfie nicht, liken wir eine Meinung nicht, so ergießen wir unsere Shitstorms über das, was wir nicht verstehen können oder wollen. Wir hinterfragen kaum mehr; weder die Dinge, wie sie sind, noch uns selbst. So entsteht denn auch nichts Bleibendes mehr, sondern nur noch kurzlebige Effekte, bei denen wahres, dauerhaftes Lebensglück sich nicht einstellen will.

Aus der Erkenntnis, im Jetzt und Hier zu leben, wurde das preisorientierte Konsumieren der Momente.

In einem Spinnennetz der Versuchungen surfen wir durch die Weltlichkeit. Wir sind bemüht, dabei eine Haltung einzunehmen, die uns auf der (vermeintlich) besten Welle aller Wellen nicht abstürzen lässt.

Wir legen unseren Fokus auf die Selbsthaltung und konstruieren daraus Vorgaben für das Verhalten aller anderen. Unser Geist wird nicht mehr durch sich selbst, sondern nur noch durch die richtige Haltung bestimmt.

Jede Zeit hat ihre Geisteshaltung – und doch kann eben jeder Haltungsgeist zu einem Zombie seines Selbst werden.

Der heute vorherrschende Zeitgeist entwickelt sich immer rasanter zu einem in gebückter Haltung, sich nicht mehr selbst reflektierendem, konsumierenden und alle anderen be- und abwertenden Zombies des Haltungszwanges und der Geistesschwäche.


Nicht mehr die tatsächlichen Bedürfnisse und kulturellen Werte prägen den Zeitgeist, sondern einzig die Haltung, genauer gesagt eine ganz bestimmte, einzig richtige Haltung. Diese wird über alles gestellt.

Die Leitbilder sind keine gewachsenen, kulturellen Wertesysteme mehr, sondern haltlose, weltanschauliche Ikonen, Personen, Unternehmen, Strategien, Denkschablonen, Ideologien und Korrektheitsansprüche. Durch ein nie dagewesenes professionelles Marketing werden Rituale ersetzt. Der Selbstzweck wird zum Ritual und die zum heiligen Mittel des Zweckes zweckentfremdete Selfie- und Selfiedarsteller-Generation Z regiert den panischen Zeitgeist. Sie sind die Opfer und Sklaven der Moderne.

Für mich erklärt sich hieraus, wie es zu dieser von und durch Panikmarketing manipulierten Generation kommen konnte. Zugleich wird mir dabei aber auch klar, dass ich es den Kindern nicht einmal übelnehmen kann. Sie können nur noch in Panik ausbrechen und Selbige verbreiten, weil sie nicht wissen können und nicht wissen sollen, wer sie wirklich sind und was sie wirklich wollen. Sie sollen nicht anders können, weil es jemand anderem nicht zum Nutzen gereicht.

So wird Haltlosigkeit durch Haltung ersetzt.

Aber genau deshalb gilt es Halt zu geben, Halt zu sagen und mit einer anderen, kritischen Haltung dem Zeitgeist der Haltungsjournalisten, Marketingfuzzis, Panikmacher und selbstsüchtig-gierigen Manipulatoren Einhalt zu gebieten.
Wenn wir das nicht schaffen, dann dürfen wir nicht andere verurteilen, sondern sollten uns selbst für unsere Untätigkeit verurteilen.

Dieser Beitrag ist zuerst auf richardfeuerbach.com erschienen.