Zum fünften Mal rief der Bundesverband Lebensrecht e.V. zur großen Kundgebung Marsch für das Leben in Berlin auf. TAXIS-Redakteur Felix Schönherr war vor Ort und berichtet wie folgt von seinen Eindrücken:

Petrus brachte mit viel Sonnenschein und einem wolkenfreien blauen Himmel die ideale Kulisse nach Berlin. Unter ihr demonstrierten mehrere tausend Teilnehmer beim diesjährigen „Marsch für das Leben“ ihr Engagement für den Lebensschutz. Eine bunte Menge war zusammengekommen: Alte, Junge, Männer, Frauen, Menschen verschiedener Nationen und Konfessionen.

Die Bühne vor dem Brandenburger Tor bot ab 13 Uhr ein musikalisches Rahmenprogramm sowie engagierte Redebeiträge.

Eröffnet wurde die Kundgebung vom ehemaligen CSU-Bundestagsabgeordneten Johannes Singhammer. Er erinnerte daran, dass der Mensch ein Teil – und vielmehr sogar die Krone – der Schöpfung Gottes sei. Eingedenk dessen sei die Haltung der selbsterklärten „Klimaschützer“ nicht nach vollziehbar, denn diese zeigten kein Interesse an der Bewahrung der kleinen Seelen im Mutterleib. Ich möchte hierzu Folgendes ergänzen: Im gegenwärtigen „Klima“-Diskurs steckt nicht zufällig eine anti-natalistische – und damit menschenfeindliche – Haltung. Vielmehr gründet die Klimafurcht auf einer Ideologie, die sich am besten als krude Mischung aus Umweltesoterik und Marxismus beschreiben lässt. Die christliche (und hoffentlich auch christdemokratische!) Umweltethik beruft sich hingegen auf die Sonderstellung des Menschen als Ebenbild Gottes. Die Umweltpolitik muss daher stets vom Primat der menschlichen Bedürfnisse ausgehen. Der biblische Auftrag „Macht Euch die Erde untertan!“ begründet einerseits ein Verhältnis der Unterordnung, andererseits aber auch der Fürsorge und Verantwortung für Mensch und Natur. (Lesen Sie hierzu mehr in der aktuellen TAXIS – Ausgabe 01/2020.)

Den zweiten Redebeitrag steuerte Ulrich Parzany bei – Autor, Pfarrer und spiritus rector des Netzwerks Bibel und Bekenntnis. Er betonte, dass auch unser säkularer Verfassungsstaat nicht im luftleeren Raum existiere, sondern auf christlichen Werten gründe. Nicht umsonst hieße es in der Präambel des Grundgesetzes: „In Verantwortung vor Gott und den Menschen…“ Zurecht prangerte Parzany aktuelle Tendenzen an, das Lebensrecht auszuhöhlen und Abtreibung sogar als „Frauen-“ oder sogar „Menschenrecht“ verankern zu wollen. Ein eher philosophischer Kommentar hierzu: Der Liberalismus ist in der Tat ein paradoxer Entwurf, denn bei konsequenter Durchsetzung müsste er diejenigen ideengeschichtlichen Vorbedingungen zerstören, auf welchen er selbst beruht. Der Mensch ist, ganz biblisch gedacht, ein Mängelwesen und seine Fähigkeit zur Emanzipation begrenzt. So wunderbar ein liberales Staatswesen für jeden Einzelnen von uns ist, so sehr muss immer wieder daran erinnert werden, dass es nur unter einer Leitidee Bestand haben kann: Der Gottesebenbildlichkeit aller Menschen. Das tagtägliche Vernichtungswerk der Abtreibungsindustrie ist der denkbar schärfste performative Widerspruch zu dieser, in unserem Grundgesetz verfassten Richtlinie.

Im dritten Beitrag berichtete eine dreifache Mutter von ihrem schweren Schicksal: Während ihrer zweiten Schwangerschaft wurde bei dem Kind eine schwere und seltene Behinderung diagnostiziert. Diese äußert sich darin, dass die Schädeldecke des Ungeborenen offen sein und nicht mehr zuwachsen würde. Die meisten betroffenen Kinder sterben noch während der Schwangerschaft; selbst im unwahrscheinlichen Fall des Überlebens erleben sie nur noch wenige Tage nach der Geburt. Die Mutter berichtete von ihrem inneren Kampf, da sie tatsächlich über eine Abtreibung nachdachte – was in einem solchen Fall sicherlich nachvollziehbar ist. Dennoch entschied sie sich gegen die „vernünftig“ erscheinende Abtreibung, brachte das Kind lebendig zur Welt und konnte von ihm gebührend Abschied nehmen. Dieses Zeugnis führt uns vor Augen, dass uns die Abtreibung in bestimmten Fällen tatsächlich vor ein ethisches Dilemma stellt (dazu mehr am Ende dieses Artikels); andererseits ist der Mut der Frau beeindruckend wie auch ihre Bereitschaften, für die Heiligkeit des Lebens eine große Last auf sich zu nehmen.

Den vierten und vorerst letzten Beitrag brachte eine Ordensschwester aus den Niederlanden. Sie setzt sich unmittelbar für Frauen in Schwangerschaftskonflikten ein: Zum einen durch direkte Ansprache vor den Abtreibungskliniken (welche im weniger liberalen Deutschland zunehmend gerichtlich unterbunden wird); zum anderen durch ein Hoffnungshaus für schwangere Frauen in schwierigen Lebensumständen. Sie berichtete von einem Fall, in dem sie einer sichtlich überforderten Frau wenige Meter vor dem Eingang einer Abtreibungsklinik ihre Hilfe anbot. Baff von dem unerwarteten Angebot kehrte jene um und brachte das Kind stärker zur Welt. Laut der Schwester besteht ein erhebliches Informationsdefizit über die schädlichen Folgen der Abtreibung bei denjenigen Frauen, die sie in Anspruch nehmen. Dies ist ein sehr trauriger Befund, denn schließlich wurde die „Beratungslösung“ für Schwangerschaftskonflikte eigentlich mit dem Ziel eingeführt, über Alternativen zur Abtreibung aufzuklären und diese nur als ultima ratio zu empfehlen. Die meisten Frauenärzte und Beratungsstellen handeln heute hignegen offenbar mit dem Anspruch, schwangere Frauen in einer schwierigen Lebenssituation so schnell und direkt wie möglich in die Abtreibung zu vermitteln. Die fehlende Beratung müssten dann wiederum die Lebensschutzaktivisten leisten, was angesichts der Ungleichheit der (staatlichen) Mittel einem aussichtslosen Kampf gleicht…

Dank guter Polizeiarbeit bleibt (fast) alles friedlich

Im Anschluss an die Reden setzten sich die Teilnehmer des Marschs in Bewegung. Durch Plakate und Kreuze wurde die Botschaft des Aufzugs deutlich gemacht. Die insgesamt etwa drei Kilometer lange Route führte unter anderem am Bundestag und dem Potsdamer Platz vorbei. Von Cafés und Läden entlang der Wegstrecke aus beobachteten zahlreichen Menschen neugierig den Zug, nahmen spontan Fotos und Videos auf.

Der Zug ging unter anderem am Bundesrat vorbei. Foto: TAXIS

Natürlich durften auch die Gegner der Veranstaltung nicht fehlen: Hinter den Absperrungen der Polizei sammelten sich meist vermummte Abtreibungsbefürworter, brüllten, pöbelten und zeigten den Mittelfinger. Außer spontanen Beleidigungen trugen die Linksextremisten stets dieselben einstudierten „geistreichen“ Sprüche vor: „My body, my choice, raise your voice!“, „Ob Kinder oder keine, entscheiden wir alleine!“, „Kein Gott, kein Staat, kein Patriarchat!“ und zu guter Letzt: „Wir bleiben uns selber treu – queer, pervers und arbeitsscheu!“ (Kein Scherz!)

Trotz ihres Berliner Heimvorteils konnte die „Antifa“ lediglich pöbelnde Kleingruppen mobilisieren. Foto: TAXIS

Glücklicherweise leistete die Berliner Polizei eine sehr gute und professionelle Arbeit, sodass der Marsch für das Leben friedlich von statten gehen konnte. Lediglich gegen Ende der Kundgebung wurde ich Zeuge eines kleineren Tumults: Einige Abtreibungsbefürworter wollten oder konnten sich offenbar nicht mit ihrem demokratischen Recht begnügen, über eine der Absperrungen hinweg ihre Parolen zu skandieren; vielmehr gingen sie die Polizei an, woraufhin diese durchgriff und eine besonders aggressive Unruhestifterin festnahm. Umringt von einer Riege stabiler Ordnungshüter weinte sie schließlich bittere Krokodilstränen. Das wird ihr hoffentlich eine Lehre sein!

Robuster Zugriff: Die Ordnungsmacht weist eine linksradikale Störerin in die Schranken. Foto: TAXIS

Zwei Dinge sind mir bei all dem völlig schleierhaft geblieben: Erstens, wie es eine politische Bewegung, die es prinzipiell für vertretbar hält, Säuglinge zu töten (und dies sogar als „Menschenrecht“ sieht), schaffen konnte, die Deutungshoheit in unserem Land über dieses Thema zu gewinnen. Zweitens, weshalb die Abtreibungsbefürworter nicht rational argumentieren, sondern offenbar nur pöbeln, brüllen und beleidigen. Antwort auf letztere Frage liefert womöglich die geistliche Betrachtung: Der Widersacher ist schließlich dafür bekannt, das Schlimmste im Menschen zum Vorschein zu bringen. Nämlich Hass, Zorn und Lästerei. Beten wir deshalb auch für die Abtreibungsbefürworter, dass sie durch Jesus gerettet werden!

Fazit: Der Lebensschutz ist ein wichtiges Anliegen

Der Marsch für das Leben ist ein kleines, aber wirkmächtiges Zeichen dafür, dass unsere Gesellschaft gegenüber der vorgeburtlichen Massentötung noch nicht vollkommen abgestumpft ist. Hoffentlich wird sich die Botschaft weiterverbreiten, damit endlich auch politische Änderungen eintreten.

Meiner Meinung sollte vor allem die „Beratungslösung“ bzw. indikationsfreie Abtreibung einer Revision unterzogen werden, weil sie ihrem ursprünglich intendierten Zweck, Schwangerschaftskonflikte auszuräumen, längst nicht mehr nachkommt.

Sehen wir uns dazu die Zahlen an: Pro Jahr gibt es im Durchschnitt weniger als zehn Abtreibungen auf Basis der kriminologischen Indikation (also aufgrund von Vergewaltigung); etwa fünftausend auf Basis der medizinischen Indikation (also wenn das Kind ohnehin oder die Mutter durch die Schwangerschaft sterben würde); und schließlich etwa fünfundneunzigtausend (in Zahlen: 95.000) Abtreibungen auf Basis der „Beratungslösung“.

In den ersten beiden Fällen halte ich die Möglichkeit einer legalen Abtreibung für politisch vertretbar (wenngleich der christliche Glaube einen bedingungslosen Lebensschutz verlangt); im letzteren Fall muss konstatiert werden, dass hier etwas vollkommen aus dem Ruder gelaufen ist!

Das Ausmaß an Schuld, welche die Gesellschaft dadurch auf sich lädt, ist zu hoch. Insofern geht das Thema der Abtreibung nicht nur (junge) Frauen etwas an, sondern uns alle. Politik und Zivilgesellschaft müssen neue Antworten finden, denn die alten haben sich überholt.

Deshalb: Notieren Sie sich schon einmal den Termin für den kommenden „Marsch für das Leben“ am 17. September 2022 und erscheinen Sie zahlreich!

Hier können Sie einen ausführlichen Videobericht über die Veranstaltung ansehen: