Junge, Bildung
Charakterbildung

Bildet euch!

Wilhelm von Humboldt

„Wenn wir gehen, werden wir das Gefühl haben, wir hätten unsere Kindheit in der Antike verbracht, unsere mittleren Jahre in einem Mittelalter, das man die Moderne nannte, und unsere älteren Tage in einer monströsen Zeit, für die wir noch keinen Namen haben.“

Peter Sloterdijk

Das Anthropozän, an dessen Beginn wir im Bewusstsein dieser Tatsache leben „dürfen“, wird zumindest vorläufig ein Zeitalter immer rasanteren Wandels werden. Nicht nur Peter Sloterdijk fasst diese Dynamik in seinem Zitat so sprachgewaltig auf, wie es ihm kein Zweiter heute nachmachen kann, auch der Populärphilosoph Richard David Precht teilt die Auffassungen der totalen Umwälzung der zukünftigen menschlichen Lebenswelt.

Ein weiterer großer Name der zeitgenössischen Wissenschaft, der Soziologe Hartmut Rosa, attestiert der Moderne gar, dass ihr Zeitverhältnis aus den Fugen geraten sei. Der Steigerungszwang des kapitalistischen Systems zwinge den Menschen stets einen „Fortschritt“ gemessen am Status quo zu erreichen. Dieser Fortschritt ist jedoch nur ein absoluter, man könnte sagen ein trivialer, da alle anderen Menschen diesem Zwang auch unterliegen. Und so bedeutet Fortschritt heutzutage nur, dass man noch mehr machen muss, nur um auf dem gleichen Stand zu bleiben, nicht abgehängt zu werden. Dieses Phänomen nennt er „Rasender Stillstand“.

Dieser rasende Stillstand wird gesellschaftspolitisch beim Beobachten der Agenda linker Identitätspolitik deutlich, könnte man zynischerweise behaupten: Um den Status einer demokratischen Gesellschaft zu erhalten, die diesen Namen verdient, steigert sich von Jahr zu Jahr die Anzahl der diskriminierten Gruppen, die vor dem alten weißen Mann gerettet werden müssen. Der Steigerungszwang kommt auf der persönlichen Ebene an. Die auf Ungleichheitsintaoleranz beruhende Indifferenz der modernen Massenkultur unterliegt, wie Alexander Grau in seinem Buch „Hypermoral – Die neue Lust an der Empörung“ zeigt, ebenso diesem Steigerungszwang, den Rosa auf zeitsystemischer Ebene beschreibt.

Was bleibt? Hektik, Hektik, Hektik. Und was noch? Der Wunsch dem Hamsterrad zu entkommen? Doch wie?

Ein Weg aus dem Hamsterrad

Die Antwort ist vielleicht banal, nichtsdestotrotz gewichtig: Bildung.
Bildung bedeutet zunächst die heutige Weitergabe des Wissens von gestern um morgen bestehen zu können. Dass das Prinzip Bildung an dieser Stelle wenig zukunftsgewandt erscheint, ist klar. Die Weitergabe von Qualifikationen und die Verkürzung und Verfremdung des Bildungsbegriffs auf berufliche Ausbildung – und mancher Bachelor „Studien“gang nach der Bologna-Reform gehört auch in diese Kategorie, beispielsweise das „lebensbejahende“ Hotel- und Restaurantmanagent – sind hier jedoch nicht gemeint. Offensichtlich scheint es auch nicht zielführend im Angesicht nie dagewesener Umwälzungen seine Zeit mit so profanen Dingen zu verbringen.

Bildung, so sieht es die Bildungswissenschaft (zurecht), ist ein Selbstzweck. Wo Hotel- und Restaurantmanagement nur dazu dienen kann, einen Hotel- und Restaurantmanager auszubilden, also das Ich in den Dienst einer sehr spezifischen Managementsparte stellt, soll Bildung das Ich in den Dienst an sich selbst stellen. Was hat Bildung für ein höheres Ziel als am (nie
erreichbaren) Ende gebildet zu sein?

Wenn hier also von Bildung gesprochen wird, dann ist damit die humanistische Bildung gemeint. Freut sich der Erstsemester der Philosophie am Anfang seines Studiums auf viele Kommentare über seine künftige Tätigkeit als Taxifahrer, so wird sich in Zukunft doch herausstellen, dass sein Bildungsweg der richtige war und das aus zwei Gründen:

  1. Die Welt wird digitaler, ITler und Ingenieure sind gefragt wie nie zuvor. Auf der anderen Seite werden, mindestens mittelfristig, große Umbrüche ein Heer an Arbeitslosen produzieren, oder wenigstens ein Heer an Leuten, denen durch die Revolutionen der Arbeitswelt eine stabilisierende Säule wegbricht. An dieser Stelle werden Geistes- und Sozialwissenschaftler, qua Studium humanistisch gebildet, eine wichtige, weil systemstabilisierende Rolle einnehmen. Da keine Wirtschaft in einer instabilen Gesellschaft optimal, also maximal produktiv, funktioniert, werden humanistisch gebildete Menschen in den Unternehmen versuchen müssen, das Stabilitätsdefizit auszugleichen, während in gesellschaftspolitischen Fragen ebenfalls Anthropologen zur Erfassung neuer gesellschaftlicher Dynamiken und der Entwicklung konstruktiver Umgänge mit diesen von zentraler Bedeutung sein werden, um existentielle Verwerfungen zu vermeiden.
  2. In einer sich immer schneller und grundlegender wandelnden Gesellschaft ist Qualifikationsvermittlung ein Auslaufmodell. Wenn nun im Zusammenspiel von Bildungsgegenstand und zu bildender Person der Bildungsgegenstand immer schneller wechselt, so muss der Fokus notwendigerweise auf den zweiten Akteur des Bildungsprozesses, auf die zu bildende Person verlegt werden. Konnte diese Person ein gefestigtes und positives Verhältnis zur Welt ausbilden, liegen die Chancen deutlich höher, dass sie mit Veränderungen umzugehen weiß, als sie bei einer unsicheren und überforderten Person lägen.

Zu sich selbst kommen

Neben allen systemischen Bedingungen, die humanistische Bildung zum „heißen Scheiß“ machen werden, ist es auch unabhängig von äußeren Faktoren sinnvoll und wichtig sich zu bilden. Schließlich wurde die Bildung vorhin noch als Selbstzweck erkannt. Wenn ich nun also schwere Texte wir die „Nikomachische Ethik“ von Aristoteles oder „Der Waldgang“ von Ernst Jünger lese, dann wird sich der Spaß im Zweifel nur schleppend einstellen. Bildung verlangt uns also etwas ab. Und es sind genau diese Anstrengungen im Verstehen und die Dauer des gerade zu bewältigenden Bildungsabschnitts, die ermöglichen, dass die Inhalte sich im Hirn festsetzen, dass sie in Fleisch und Blut übergehen.

Wenn ich mir die Zeit nehme und versuche die aristotelische Glücksethik zu verstehen, dann werde ich einigem zustimmen können, einigem vielleicht nicht. Die Punkte, die mich überzeugen, werden die Zeit gehabt haben, sich im Gedächtnis festzusetzen und sich bewusst oder unbewusst auf meine Handlungen auszuwirken. Beispielsweise wird das Verständnis der aristotelischen Glückseligkeit mir eine beständige Anleitung zum guten Leben sein. So wird es mit allen weiteren Büchern sein, die ich lese. Und wenn ich mir nun die Arbeit mache, die Autoren zu lesen, die die großen Fragen stellen, wenn ich immer einen Resonanzraum zu den Inhalten herstellen kann und das speichere, wozu ich eine positive Resonanz entwickle, dann steht am Ende ein in mir kanonisiertes Wissen über die Welt. Dieses Wissen ist egozentrisch, hilft mir also nicht ein objektives Verhältnis zur Welt herzustellen (die Objektivität ist in anthropologischen Fragen sowieso nie zu erreichen), aber sie hilft mir, mich zu dieser Welt in ein Verhältnis zu setzen.

Und an dieser Stelle kommt Ernst Jüngers „Waldgang“ ins Spiel. Der Waldgänger macht sich unabhängig von den Stürmen auf dem Meer der Zeit. Er findet zu sich selbst im Wald. Humanistische Bildung ist das Pfadnetz im Wald. Es lässt viele Stellen aus, hält vieles im Dunkeln. Und doch ermöglicht es einen Spaziergang, ein Waldbaden, eine Erholungskur auch inmitten einer Betonwüste. Das Ich, der Diener an sich selbst, wird zur Festung gegen die Unwägbarkeiten unserer Zeit. Wer sich seiner Selbst sicher ist und den Wald, der das unabhängige Ich ist, mit dem Samen Bildung stetig aufforstet, den kann kein Wässerchen mehr trüben, und auch nicht die tosende See.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Jetzt eintragen für den TAXIS-Rundbrief

Registrieren Sie sich hier kostenlos für unsere Neuigkeiten, einmal pro Monat bequem in Ihr elektronisches Postfach.
Holler Box