Zeitgeist

Was wir von China lernen können

Unser Gastautor Samuel Schlichting ist Sinologe und derzeit als Doktorand an der Universität Würzburg tätig. Für TAXIS hat er sich mit der Strategie der Volksrepublik China auf der Weltbühne befasst sowie mit der Frage, welche Lehren wir Europäer daraus ziehen sollten.

Meinungen sind ja an sich heute nicht schwer zu haben.

Man nehme den amerikanischen Präsidenten oder den britischen Premier, man nehme die Migrantenströme oder die EU oder die AfD: Meinungen über Meinungen, oft bis zum Glaubensbekenntnis gesteigert, gießen sich täglich über uns aus.

Sie erscheinen in Kommentaren, Analysen, Talkshowauftritten und politischen Programmen bis hin zu langfristigen strategischen Ausrichtungen. Kein Thema, so scheint es, zu dem man nicht auf Anhieb etwas zu sagen hätte.

Wie kommt es aber, dass das Stimmengewirr so merklich ausdünnt, sobald es um ein gar nicht so irrelevantes Phänomen geht, das sich seit Jahren schon im Osten Asiens abspielt?

Ich meine den Aufstieg Chinas zur Weltmacht.

Es ist auffällig, wie schwer sich Europa mit der Bewertung dieses Phänomens tut. Es ist ja nicht so, als seien Meinungen zu China nirgendwo zu haben. In den USA zum Beispiel sind sie sehr präsent und haben es bis hinauf in die nationalen Sicherheits- und Wirtschaftsstrategien geschafft. Dort entfalten sie nun ihre Wirkung – ob im Sinne ihrer Urheber, das sei dahingestellt.

Europa aber verstummt im Angesicht Chinas wie das sprichwörtliche Kaninchen vor der Kobra. Oder besser: Die Maus vor dem Drachen?

Die Volksrepublik China überflügelt Europa in wesentlichen Politikbereichen und Europa – schaut weg.

Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt glänzt mit stabilen Wachstumsraten; unterhält die zahlenmäßig stärkste Armee der Welt, die im Übrigen technologisch rapide aufholt; ist der Weltmarktführer in mehreren Sparten zukunftsweisender High-Tech-Anwendungen – wäre das nichts, was ein zumindest  ein wenig Aufmerksamkeit unserer Politiker verdiente?

Oder ist das zu viel für ein Europa, das sich in Regionalismen verliert? Ein Europa, das genug mit der Koordination der vielfältigen Individualbewertungen Chinas durch die nach wie vor außenpolitisch (mehr oder minder) souveränen Mitgliedsstaaten zu tun hat?

Dass sich die Erklärung nicht allein mit dem Zwang der EU zum Multilateralismus erklären kann, zeigt sich daran, dass bereits die außenpolitischen Strategien einzelner Nationalstaaten wie Deutschland oder Frankreich gegenüber China blass und unbestimmt bleiben.

Es muss also (auch) andere Gründe geben. Meine These ist, dass wir Europäer uns deshalb mit China so schwertun, weil der Fall China unseren Erwartungen an das politische Spiel so gänzlich inkommensurabel ist.

Chinas rapider Aufstieg widerspricht unserer westlichen Erzählung von der One World.

Haben wir nicht gelernt, dass es eine Welt zu geben hat? Eine Welt, die ihren Ursprung in der Atlantik-Charta der Westalliierten im Zweiten Weltkrieg hat und die ihre Bestätigung im Sieg des Westens über den kommunistischen Ostblock gefunden hat?

Ein Hintergrund freilich, vor dem ein Donald Trump als bedauerliche temporäre Entgleisung gelten kann.

Und auch Russland haben wir nach einer Zeit der Ratlosigkeit nach 2014 wieder verstehen gelernt – wenngleich mit den wohlbekannten Schablonen des Kalten Krieges.

Aber China?

Während Europa meint und hofft, der Knick im westlich-atlantischen Selbstverständnis werde mit dem Ende des Trump-Intermezzos ausgebügelt, und während die Putin-Herausforderung an der Standhaftigkeit der NATO abzuperlen scheint, ist die Chinafrage nicht so leicht zu lösen.

Ein Staat, ein Nationalstaat, dessen langfristiger Aufstieg nicht mit Beschlüssen und Moralismen abzutun ist, dem selbst die volle Breitseite amerikanischer Handelssanktionen derzeit offenbar nur wenig anhaben kann? Und der seine Straßen und Schienen quer über den eurasischen Kontinent legt und uns damit auch physisch immer näherkommt – was das für Europa zu bedeuten hat, daran scheiden sich die Geister.

Das Problem mit der Herausforderung durch China liegt in der Abweichung von unseren vorgefertigten Kategorien. Trump – das ist die Anomalie, die in liberalen Systemen auszuhalten sein muss, aber der Vernunft bald weichen wird; Putin, Erdogan etc. – das sind die autoritären Gegner, die uns provozieren und mitunter bedrohen und ärgern können, die aber an ihrer eigenen Aggressivität scheitern werden.

China ist ein Tiger, der auf Samtpfoten schleicht – und eiskalt seinen Interessen nachgeht.

Nicht so China. Auch China sehnt sich zu alter Größe zurück. Aber im Gegensatz zur Türkei oder zu Russland hat es alle Mittel, diese Größe wieder herstellen zu können: demographische, wirtschaftliche, technologische. Das eigentlich Schwierige aber ist, dass es diese Mittel so vorsichtig und zurückhaltend einsetzt, dass es kaum je zum Skandal reicht – wie es beispielsweise bei der Ukraine-Krise der Fall ist. Wo aber kein Skandal, da keine Aufmerksamkeit, und wo keine Aufmerksamkeit, da auch keine Reaktion auf strategischer politischer Ebene – jedenfalls in Demokratien.

Es ist Deng Xiaopings 24-Schriftzeichen-Formel des „Unter-dem-Radar-Schwimmens“, die hier weiter fortwirkt. Und das trotz zahlreicher werdender Meldungen über Xi Jinpings neuen autoritären Führungsstil, das neo-kommunistische soziale Punktesystem oder die Neue-Seidenstraßen-Initiative. Auch trotz der Machtdemonstration der Volksbefreiungsarmee zum siebzigsten Jahrestag der Gründung der Volksrepublik und dem geleichzeitig rüder werdenden Durchgreifen der Sicherheitskräfte in Hong Kong.

Es ist aber jenseits der Strategie auch und insbesondere das Verhältnis zwischen Selbstverständnis und Interessen, das Chinas Aufstieg auszeichnet. Und gerade hierin liegt der vielleicht frappanteste und zugleich am wenigsten beachtete Unterschied zwischen China und Europa. Ein Unterschied, der viel zur Sprachlosigkeit der Europäer gegenüber dem ostasiatischen Phänomen beiträgt.

Alle jene nationalen Interessen, die die chinesische Außenpolitik so zielstrebig, unbeirrt und geduldig verfolgt, haben ihre Wurzel im Selbstverständnis als Träger einer besonderen Zivilisation.

Die Traditionslinien von den Kaiserdynastien und ihrer harmonischen Herrschaft lassen sich bis in unsere Tage fortzeichnen. Und das trotz Semi-Kolonialismus, Bürgerkrieg und Revolution, trotz der durchgreifenden Veränderung der chinesischen Gesellschaft im 20. Jahrhundert.

China ist sich seiner Geschichte, zivilisatorischen Strahlkraft und seines Anspruchs bewusst – ist selbstbewusst im eigentlichsten Sinne des Wortes. Und gerade deshalb sieht es keine Notwendigkeit in übermäßig provokativem Verhalten auf internationaler Ebene. Es weiß, dass die Zeit sein Verbündeter ist, indem sie dazu tendiert, jedem auf Dauer nach seinen Kräften zu geben.

Deshalb kann sich China leisten, vernünftig und geduldig zu handeln und Kritik auszusitzen. Deshalb erscheint es so selten auf unserem Radar.

Europa täte gut daran, sich bestimmte chinesische Tugenden (wieder) anzueignen.

Wäre das nicht etwas, was auch uns Europäern bisweilen nicht schlecht zu Gesichte stünde? Ich meine das Selbstbewusstsein im beschriebenen Sinne: das Bewusstsein einer langen und reichen Geschichte, einer schwer zu überbietenden kulturellen Anziehungskraft, eines über Jahrhunderte erlangten und erprobten Werkzeugkastens effektiver Ordnungsmechanismen?

Hätten wir aber dieses Selbstbewusstsein, dann könnten auch wir ruhiger, geduldiger, vernünftiger werden. Wir müssten uns nicht ständig von unserer Vergangenheit als Kolonialherren (oder bei uns Deutschen als Eroberer und Besatzer) verfolgt wähnen.

Wir müssten nicht in momentanen unilateralen Entscheidungen Grenzen öffnen und Europa Krisen epochalen Ausmaßes bescheren. Unsere Reaktion auf die Herausforderung des Populismus wäre so abgeklärt, dass wir ihn nicht durch Maßlosigkeit in der Kritik weiter fördern würden.

Wir müssten uns nicht fürchten, weder vor dem näheren Russland, noch vor dem ferneren China – und auch nicht vor irrlichternden Verbündeten.

Unsere Interessen nämlich wären die Interessen eines selbstbewussten Kontinents – eines Europa, das weiß, dass die Zeit auch auf seiner Seite stehen kann, wenn es sein zivilisatorisches Potenzial wiederentdeckt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Jetzt eintragen für den TAXIS-Rundbrief

Registrieren Sie sich hier kostenlos für unsere Neuigkeiten, einmal pro Monat bequem in Ihr elektronisches Postfach.
Holler Box