Protest, Demonstration
Rezension

Für Sie gelesen: Blueprint for Revolution von Srđa Popović

„Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“ ließ Georg Büchner seinen Hessischen Landboten einst verkünden. Im Zeitalter der Postmoderne hat die Revolution eben so viel an Pathos eingebüßt wie an Ironie hinzugewonnen. Zumindest, wenn man Srđa Popović glauben darf, der als führender Kopf hinter der Protestbewegung Otpor! entscheidend am Sturz des serbischen Machthabers Slobodan Milošević im Jahr 2000 beteiligt war. In Blueprint for Revolution reflektiert Popović besagte Erfahrung als Aktivist wie auch seine Arbeit als „Revolutionsberater“ in seinem eigens gegründeten Centre for Applied Nonviolent Action and Strategies (CANVAS).

Popovićs Proteststrategien setzen auf die entwaffnende Wirkung der Gewaltfreiheit und des Humors. Für den bekennenden Punkrock-Fan und Linksliberalen muss die Revolution vor allem Spaß und Unterhaltung bringen, um möglichst breite Bevölkerungsmassen zu mobilisieren sowie einen Moral High Ground gegenüber den bitterernsten und gewaltbereiten Regimes dieser Welt zu erlangen. Im Zuge seiner Aktivitäten schulte Popović nach eigenen Angaben Aktivisten aus über fünfzig Ländern, darunter zahlreiche, in denen sich 2010ff. der sogenannte Arabische Frühling Bahn brach.

Eben dort wurden auch die Grenzen des Popović’schen Modells ersichtlich. Denn der Typ Revolution, der Anfang der 2000er Jahre in Serbien noch als coole Farce funktionierte, schlug in Syrien, Libyen, Ägypten und der Ukraine in eine blutige Tragödie um. In den muslimisch geprägten Ländern gewannen schnell islamistische Strömungen die Oberhand über die Proteste, deren Gesellschaftsvision sogar noch autoritärer ist als die der bisherigen, säkularen Machthaber. In Osteuropa hält Putin nach wie vor seine schützende Hand über kleinere verbündete Despoten; in der Ukraine bestraft er das Volk für den Abfall von der russischen Supermacht mit einem anhaltenden und verlustreichen hybriden Krieg.

Die Wucht der Reaktion auf die neuen Freiheitsbewegungen ist nicht zuletzt auf eine gefürchtete Einmischung von außen zurückzuführen: Ab 2008 hatte US-Präsident Obama die Strategie des Regime Change seines Vorgängers Bush nämlich weitergeführt, freilich vorrangig mit Mitteln der Soft Power statt der militärischen Intervention. Popovićs Slogan „Simply Change the World“ leitet insofern irre, als dass die Welt dafür in der Tat zu kompliziert ist. Nichtsdestotrotz ist seine Handschrift nach wie vor in zahlreichen Protestbewegungen demokratischer Nationen zu erkennen: Von „Occupy Wallstreet“ über die „Klima-Schülerdemos“ bis hin zur „Identitären Bewegung“. Alleine, um deren Aktionsformen zu verstehen, lohnt sich die Lektüre von Blueprint for Revolution allemal.

Blueprint for Revolution – How to Use Rice Pudding, Lego Men, and Other Nonviolent Techniques to Galvanize Communities, Overthrow Dictators, or Simply Change the World“ ist 2015 bei Spiegel & Grau, New York (USA) erschienen.

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