Rezension

Für Sie gelesen: Michel Onfrays „Niedergang“ («Décadence»)

Mit seinem Buch „Niedergang. Aufstieg und Fall der europäischen Kultur – von Jesus bis Bin Laden“ hat der französische Philosoph Michel Onfray vor zwei Jahren sein kulturpessimistisches Opus Magnum vorgelegt. 

Die deutsche Ausgabe kommt mit ihren knapp 700 Seiten opulent und wuchtig daher.

Dennoch vergeht die Lektüre wie im Flug, vermag es Onfray sehr wohl, selbst trockenen Stoff wie die mittelalterliche Scholastik spannend und leserlich darzustellen.

These I: Die abendländische Geschichte beginnt mit Jesus von Nazareth und endet mit Osama Bin Laden.

Das Christentum ist für Onfray – völlig richtig gesehen – der geistige Unterbau des abendländischen Europas.

Insofern ist seine Abhandlung als Ideengeschichte des Christentums zu lesen: Von seiner Geburt, über seinen Siegeszug, bis hin zu seinem (unvermeidlichen?) Niedergang.

Als kämpferischer Atheist rückt Onfray die für Christen zentrale Figur Jesu allerdings in den Hintergrund. Für ihn gab es nicht einmal einen historischen Jesus. Jesus sei allenfalls eine Fiktion, eine Projektionsfläche für allerlei nachträglich entworfene Ideologien.

Gewissermaßen zum Chef-Ideologe dessen, was in der späteren abendländischen Geschichte als christlich verstanden werden sollte, kürt Onfray den Apostel Paulus.

Paulus habe das Schwert in das Christentum eingeschrieben, dessen sich später die Kreuzritter, Inquisitoren und Konquistadoren bemächtigen sollten. Ebenso habe Paulus dem Christentum die Körper- und Sexualfeindlichkeit eingeimpft.

Onfrays Buch bietet neben einigen steilen Thesen auch folgende: Paulus sei aufgrund eines Gebrechens impotent gewesen; da er  selbst nicht vom süßen Nektar der fleischlichen Lust kosten konnte, habe er die Welt in eine kollektive Neurose stürzen wollen, um nicht mehr aus dem Rahmen zu fallen – und dies, über Jahrhunderte hinweg, sogar mit Erfolg!

🤔

Nun gut. Hier überlasse ich Ihnen, werte Leser, selbst die Entscheidung bezüglich der Plausibilität des Dargebotenen…

Weiter im Text:

Erst durch die Hilfe eines Schwertträgers – nämlich Kaiser Konstantin, der das römische Imperium verchristlichte – habe die Paulus-Doktrin ihren Siegeszug durch die ganze Welt antreten können.

Diese gipfelte schließlich in der „totalitären“ Herrschaft der katholischen Kirche, mit all ihren Exzessen: Christenverfolgung, Ablasshandel, gewalttätige Mission, Unterdrückung der Wissenschaften und so fort.

Es gelang ihr allerdings auch, sich gegen äußere und innere Feinde zur Wehr zu setzen und damit die abendländische Ordnung zu konsolidieren.

These II: Innere Widersprüche bringen den römischen Katholizismus als Ordnungsmacht ins Wanken – und läuten den Niedergang des Abendlandes ein.

Der erste Riss im Gemäuer des institutionalisierten Paulismus geschah in der heutigen Tschechei. Der Reformater Jan Hus wurde zwar noch durch den Feuertod der Inquisition gestoppt, seine Nachfolger hatten aber mehr Glück.

Seither schwindet die Ordnungsmacht des Katholizismus zugunsten anderer Ideologien und Akteure: Die Aufklärung, die französische Revolution, der deutsche Idealismus, Marxismus, Faschismus und schließlich Konsumismus.

Alle Wege führen seither weg von Gott – oder, mit Onfray gedacht, weg von Paulus. 

Mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil schlägt selbst Rom, laut Onfray das geistige Epizentrum Europas, den Weg in die Postmoderne ein. Damit ist für Onfray der Niedergang des Abendlandes besiegelt.

These III: Der Islam übernimmt Europa.

Ganz unumwunden stellt Onfray schließlich das Szenario einer Eroberung Europas durch den Islam in den Raum – damit allerdings auch eine Überwindung der aus christlicher Sicht unaufhaltbaren spirituell-kulturell-politischen décadence.

Die letzten Kapitel des Buchs beinhalten eine sanfte Melancholie: Das Abendland hat seine Glanzzeit erlebt, an die sich zu erinnern lohnt; doch nun ist es morsch und alt und sein Niedergang unvermeidlich…

Interpretation: Onfray bietet eine aufgewärmte Variante des Kulturpessimismus aus der „Konservativen Revolution“ – inklusive ihrer intellektuellen Fehlschlüsse.

Onfrays pessimistisches, zugleich nach vorne gewandtes Bild zeichnet er nach Maßgabe seines Gewährsmanns Oswald Spengler. Dessen „Kulturmorphologie“ besagt, dass Zivilisationen eine begrenzte Lebensdauer haben und sich nach immergleichen Mustern entwickeln.

Laut Spengler befindet sich das Abendland seit dem Jahr 2000 in der Phase des „Cäsarismus“, also in der letzten Stufe vor dem endgültigen zivilisatorischen Untergang:

Onfrays Gelassenheit bezüglich des kulturellen Verfalls speist sich also aus der Idee, dass das Abendland nun eben jenes Schicksal durchmacht, welches von allen Zivilisationen vor und nach ihm zwangsläufig geteilt worden ist und werden wird.

Soweit, so bekannt. 

Onfray vermag der Auseinandersetzung mit Spenglers Ideen tatsächlich wenig Neues zu entlocken. 

Spengler selbst wiederum lässt sich auf solche oder solche Weise kritisieren: Ethisch, konzeptionell oder auch methodologisch. 

Wichtig erscheint in diesem Zusammenhang, dass er den Prozess der Amalgamierung von Kulturen und Zivilisationen übersieht. Das christliche „Abendland“ wurzelt in unterschiedlichen zivilisatorischen Vorläufern. Und hat es nicht zuletzt aus sich heraus auch eine eigene, ganz neue Zivilisation hervorgebracht: Die postmodern-globale Superkultur der anywheres

In pragmatischeer, politischer und aktivistischer Hinsicht verdammen die Ansätze von Onfray bzw. Spengler zum Nichtstun. Anders als im prophetischen Modell eines Marx und Engels kann dem Lauf der Geschichte bei Spengler kein politischer Aufbruch wie die „Revolution des Proletariats“ beikommen.

Läge es aber nicht an unser Generation, die abendländische Zivilisation zu aktualisieren und zu neuer Blüte zu bringen? 

Ein kitschiger Satz, ich weiß, aber hier sollte er fallen: 

Es darf nicht darum gehen, die Asche aufzubewahren, sondern darum, das Feuer weiter zu tragen.

Doch nicht nur Spengler scheint bei Onfray Pate gestanden zu haben sondern auch, wenngleich unerwähnt, Carl Schmitt. Dieser leitete in Schriften wie „Römischer Katholizismus und politische Form“ und „Politische Theologie“ Konzepte der politischen und Staatsphilosophie aus dem Vorbild der katholischen Kirche ab. Schmitt ging es dabei aber immer nur um die Form der römischen Institution als Ordnungsgarant – und nicht um ihren eigentlichen Inhalt: Die Botschaft Jesu Christi.

Dies mag erklären, weshalb der Erzatheist Onfray die Abkehr vom katholischen Traditionalismus durch das Zweite Vatikanische Konzil in kritischen und sogar empörten Tönen schildert. Er hält zwar Jesus für eine Fiktion; hätte aber wohl nichts gegen eine traditionalistische katholische Kirche als formalistischen Kitt bzw. letztes Bollwerk gegen den Nihilismus. 

In eine ähnliche Richtung ging übrigens Schmitts Definition des „Fascismus“ (ein eigener Begriff bei Schmitt, der sich von dem des „Faschismus“ abgrenzt). Jenen erachtete Schmitt nach einem längeren gedanklichen Prozess als eine angemessene Ordnungsstruktur für die Moderne. Willfährig und am Ende erfolglos diente Schmitt sich der Hitler-Bewegung an, ohne deren Inhalt und Wesen wirklich verstanden zu haben.

Ich wiederhole hier meine Kritik aus christdemokratischer Perspektive an den Ideen der „Konservativer Revolution“: Diese beziehen sich zwar noch teilweise auf das Fundament des abendländischen Europa, das Christentum – allerdings nur als Hülle, nicht in der Substanz. 

Die „konservative Revolution“ gibt vor, konservativ zu sein, zerstört jedoch im gleichen Atemzug den Kern dessen, was es zu bewahren gilt. 

Eine ideengeschichtliche Parallele stellt die Postmoderne dar. Sie gibt vor, eine der aufklärerischen Moderne gegenüber skeptische Bewegung zu sein. Ihr Angriff auf den Vernunftbegriff der Aufklärung zerstört jedoch gleichzeitig die Grundlage skeptischen Denkens (und öffnet die Tür zurück in die Welt des Aberglaubens, zum Beispiel an emanzipatorische „Zaubersprache“ und 60 oder mehr Geschlechter). 

Für christdemokratische Politik darf außerdem der Kulturpessimismus keine ideelle Grundlage sein. Vielmehr ist es die Hoffnungsbotschaft des Evangeliums.

Fazit: Wer die europäische Ideengeschichte näher kennenlernen möchte, sollte Michel Onfrays „Niedergang“ lesen

Onfray bietet eine hervorragende und stilistisch brillante Darstellung der Ideengeschichte Europas, vom 1. bis ins 21. Jahrhundert. Wer sich auffrischen oder in sie einlesen möchte, sollte sich das Buch gönnen.

Wo Onfray allerdings in intellektuelle Eigenleistung geht, wird es eher uninteressant und mitunter auch krude. Andere Autoren haben sich zur geistigen Verfassung Europas originellere und interessantere Gedanken gemacht.

Michel Onfray: Niedergang. Aufstieg und Fall der abendländischen Kultur – von Jesus bis Bin Laden. Albrecht Knaus Verlag, München, 2018

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