Ideologiekritik

Warum viele Linke Israel hassen

Antisemitismus und Hass auf Israel kommt nicht nur von rechter, sondern auch von islamischer und linker Seite. 

Dies sollte mittlerweile ein Allgemeinplatz sein.

Dass nun gerade Linke, die stets als Verlautbarer der Gleichheit aller Menschen und Völker auftreten, ein so großes Problem mit dem Judenstaat Israel haben, scheint einer näheren Betrachtung wert.

Unappetitliche Beispiele gibt es schließlich genug: So die Teilnahme deutscher Bundestagsabgeordneter der SED-Nachfolgepartei an der Schiffsfahrt der „Mavi Marmara“ 2010. Diese war darauf ausgelegt eine israelische Seeblockade durchbrechen, was zu einer Eskalation mit mehreren Toten führte. Der Konvoi stand unter der Federführung von Islamisten, um die israelische Seeblockade zu diskreditieren. Diese entsprang dem Bemühen, Waffenlieferungen an Terrororganisationen zu unterbinden.

„Shootingstars“ der internationalen Linken äußern sich immer wieder auf eine Art und Weise über Israel, die an klassische Tropen der judenfeindlichen Agitation erinnern. So behauptete die demokratische US-Abgeordnete Ilhan Omar: »Israel has hypnotized the world«. Der linke brasilianische Zeichner Carlos Latuff nahm einen Preis beim „Holocaust-Karikaturen-Wettbewerb“ des Mullah-Regimes in Teheran entgegen. Dabei wurden Zeichnungen prämiert, welche den Staat Israel attackieren und seine Legitimation durch den Holocaust der Lächerlichkeit preisgeben sollen.

Linke Apologeten sind oft der Meinung, die Stimmungsmache vieler Linker gegen Israel habe mit Antisemitismus gar nichts zu tun. Es gehe schließlich nur um den Staat Israel und seine Aktionen gegen die Palästinenser.

Ungeachtet dessen, dass sehr wohl auch auf linker Seite die Grenze zur judenfeindlichen Agitation oft überschritten wird (und es zahlreiche Kontaktpunkte der linken Szene zu zweifelsfrei antisemitischen Islamisten gibt), stellt sich die Frage: Worin liegt für Linke denn eigentlich die Crux mit dem Staat Israel?

Es folgt der Versuch einer Erklärung aus konservativer Perspektive.

I. Der Zionismus wurzelt in den europäischen Nationalstaatsbewegungen des 19. Jahrhunderts

1896 legte der Israel-Vordenker Theodor Herzl das Buch „Der Judenstaat“ vor, das als frühes Manifest für die Staatsgründung gelten kann. Sozialisiert wurde Herzl in der bürgerlichen Schicht der Kaiserstadt Wien. Er war als junger Mann Mitglied der Wiener akademischen Burschenschaft Albia.

Aufgrund des aufkommenden Antisemitismus in ganz Europa stellte Herzl die Überlegung an, dass ein eigener Staat für die Juden ein geeignetes Modell sei, um dem anschwellenden Konflikt zu begegnen. Sein Denken blieb dabei stets dem Abendland verbunden. Dies zeigt folgende bemerkenswerte Passage aus „Der Judenstaat“, in dem Herzl die Optionen eines solchen in Südamerika oder eben Palästina diskutiert:

Palästina ist unsere unvergeßliche historische Heimat. Dieser Name allein wäre ein gewaltig ergreifender Sammelruf für unser Volk. Wenn Seine Majestät der Sultan uns Palästina gäbe, könnten wir uns dafür anheischig machen, die Finanzen der Türkei gänzlich zu regeln. Für Europa würden wir dort ein Stück des Walles gegen Asien bilden, wir würden den Vorpostendienst der Kultur gegen die Barbarei besorgen. Wir würden als neutraler Staat im Zusammenhange bleiben mit ganz Europa, das unsere Existenz garantieren müßte. Für die heiligen Stätten der Christenheit ließe sich eine völkerrechtliche Form der Exterritorialisierung finden. Wir würden die Ehrenwache um die heiligen Stätten bilden und mit unserer Existenz für die Erfüllung dieser Pflicht haften. Diese Ehrenwacht wäre das große Symbol für die Lösung der Judenfrage nach achtzehn für uns qualvollen Jahrhunderten.

Eine solche Vorstellung vom Nationalstaat als  Kultur- und Schicksalsgemeinschaft eines Volks ist den meisten Linken heutzutage natürlich völlig zuwider. Sie wollen insbesondere die westlichen Nationen so lange multikulturalisieren, bis diese keine eigenständige Identität mehr aufweisen.

Dies ist allerdings der Mehrheit der Israelis nicht vermittelbar. Die breite Ablehnung einer sogenannten Ein-Staat-Lösung, also der Zusammenlegung des heutigen Israel mit den Palästinensergebieten, hat nicht zuletzt auch damit zu tun, dass in einem solchen Staat eine arabische Bevölkerungsmehrheit entstehen würde und Juden – wie so oft in der Geschichte – in der Minderheit wären.

Linke argumentieren gegen den Nationalstaat, weil er aus ihrer Sicht nichts weiter als ein Werkzeug der Unterdrückung ist. Die ethnische Mehrheit darin wird laut linker Doktrin Minderheiten zwangsläufig ausgrenzen.

Das Beispiel nationalstaatlicher Bewegungen wie dem Zionismus zeigt jedoch, dass diese Sichtweise falsch ist. Der Nationalstaat ist zuvorderst ein Projekt der Emanzipation. Ein Volk, das in seinem Staat selbst bestimmen kann, ist frei. In den sogenannten Vielvölkerstaaten ist dies hingegen nicht der Fall. (Eine praktikable „Zwischenlösung“ stellen allerdings förderale Staaten mit Teilautonomie bestimmter Regionen dar – wie beispielsweise das Königreich Spanien oder der Irak.)

II. Israel hat sich im Kalten Krieg für die Westbindung entschieden

Zur Zeit des Kalten Krieges hatten viele linke Strömungen noch die – damals durchaus realistische – Vorstellung, vermittels der sowjetischen Expansionspolitik die Weltherrschaft zu erringen und damit den Endsieg des Kommunismus einzuläuten. Die Welt war zwischen freiem Westen und kommunistischem Osten geteilt.

Für überzeugte Marxisten war es daher ein Affront, wenn vormals neutrale Staaten sich auf die Seite des Westens schlugen. Dies war im Fall der Bundesrepublik Deutschland so, und auch im Fall Israel. 

Der Sechstagekrieg 1967 kann durchaus als ein Stellvertreterkonflikt des Kalten Kriegs gelten – da die arabischen Gegner Israels, insbesondere Syrien, von der Sowjetunion unterstützt wurden.

Zu erwähnen ist noch, dass es in der Sowjetunion seit Ende des 2. Weltkrieges auch verstärkt antisemitische Tendenzen gab. Im Zuge der sogenannten „Ärzteverschwörung“ ließ Stalin 1952 eine Gruppe vornehmlich jüdischer Ärzte hinrichten. Der Staatsgründung Israels stand die Sowjetunion von Beginn an feindlich gegenüber. Schließlich ist die nationalstaatliche Emanzipation in der marxistisch-leninistischen Ideologie nicht vorgesehen. 

Als Alternative zum zionistischen Staat Israel rief Stalin in den 1950er Jahren eine „Jüdische Autonome Region“ an der Grenze zu China aus. Diese wurde in der Propaganda als „sowjetisches Palästina“ verklärt – hatte mit einem selbstbestimmten oder gar freiheitlichen Staat aber selbstverständlich rein gar nichts zu tun!

III. „Postkoloniale“ Erzählungen werden dem Nahostkonflikt übergestülpt

Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern schwelt seit vielen Jahren. Die Wahrnehmung aus internationaler Sicht findet hauptsächlich und leider in einer moralisch aufgeladenen Gut-Böse-Dichotomie statt.

Viele Linke sehen die Palästinenser als die „gute“ und den Staat Israel als die „böse“ Seite an. Diese Sichtweise wurzelt in der Ideologie des Post-Kolonialismus beziehungsweise seines militanten Zwillings, des sogenannten Anti-Imperialismus.

Diese Sichtweise folgt einem einfachen Schema: Reiche, mächtige, europäischstämmige Täter unterdrücken arme, machtlose, dunkelhäutige Opfer.

Unnötig zu erwähnen, dass diese schematische Darstellung der komplexen Realität kaum gerecht wird.

Dergestalt projizieren Linke alle möglichen Szenarien in den Nahostkonflikt hinein: In einem historisch krummen Vergleich wird Israel als „Apartheidsstaat“ nach dem Vorbild Südafrikas geschmäht; die amerikanische »Black Lives Matter«-Bewegung solidarisiert sich mit den Palästinensern; die Behandlung der Palästinenser durch Israel wird mit den Kolonialsystemen des 19. Jahrhunderts oder sogar den KZs der Nazis gleichgesetzt.

IV. Der derzeitige politische Mainstream in Israel steht rechts

Seit einigen Jahren schon regiert Benjamin Netanjahu von der konservativen Likud-Partei mit einer stabilen Rechtskoalition, die auch Nationalisten und Religiöse mit einbindet. 

Dies ist nicht zuletzt deshalb bemerkenswert, weil die sozialdemokratische Awoda und die bis 1968 existierende linke Mapai historisch gesehen meist die Oberhand hatten. Heute noch gibt es einen linken medial-kulturellen Mainstream.

Dies dürfte auch ein Grund für diese sehr kuriose Wahlwerbung der amtierenden israelischen Justizministerin Ajelet Schaked sein: 

Offenbar ist der plumpe Faschismusvorwurf auch in Israel das beliebteste „Argument“ der Linken. 

Aufgrund der stabilen rechten Mehrheiten ist in Israel nun eine Politik möglich, die in anderen Ländern hochumstritten ist. Bestes Beispiel hierfür ist der Bau der Grenzmauer zu den Palästinensergebieten zwischen 2002 und 2010. Ebenso ist eine sehr strikte Politik gegenüber illegalen Migranten aus Afrika zu vermerken.

Mit der ersten und zweiten Intifada Anfang der 1990er beziehungsweise 2000er Jahre hat, so scheint es, das linke Israel seine Unschuld verloren. Die seither kontinuierliche Rechtsentwicklung ist nicht verwunderlich, denn zurecht machen sich die Bürger Israels Sorgen um ihre Sicherheit.

Was Linke in besonderem Maße in Verzweiflung stürzt, ist dass die rechte israelische Politik, wie sie unter Ariel Scharon oder Benjamin Netanjahu zur Blüte gelangte, weltweit Sympathisanten findet. In einer geradezu ekelhaften Karikatur stellt beispielsweise der Linke Carlos Latuff den brasilianischen Präsidenten Bolsonaro als Marionette mit Hakenkreuzkrawatte dar, die von Trump und Netanjahu gesteuert wird. Dieses verschwörungsideologische Zerrbild soll allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass zwischen den drei Politikern tatsächlich gute Beziehungen herrschen – und sich Trump beim Bau seiner Mauer womöglich von Israel hat inspirieren lassen.

Israelfreundliche Linke wie der Talkshow-Gastgeber Bill Maher verstricken sich daher in Widersprüche, wenn sie die rechts geprägte Politik Israels erklären müssen:

Im Gespräch mit der Intellektuellen und Trump-Befürworterin Ann Coulter kommt das Thema der Grenzmauer auf. Als sie Maher, der die Mauer strikt ablehnt, auf das israelische Beispiel anspricht, sieht dieser einen fundamentalen moralischen Unterschied: Während Israel ein legitimes Interesse daran habe, sich gegen palästinensische Terroristen zu schützen, kämen über die US-Grenze zu Mexiko doch nur nur freundliche und fleißige Arbeiter.

Diese Sichtweise ist nicht nur empirisch falsch, sondern auch politisch inkonsistent. Natürlich müssen die USA ihre Bevölkerung vor mexikanischen Drogenkartellen schützen, die teilweise noch brutaler, gewalttätiger und unkontrollierbarer auftreten als die Terroristen im Nahen Osten. Und: Wenn der Bau einer Mauer für Israel moralisch plausibel ist, ist es das für jeden anderen demokratischen Staat auch!

V. Die heiligen Stätten des Christentums befinden sich in Israel

Linke machen seit jeher mobil gegen Religiosität. (Der Islam bildet eine Ausnahme, weil Linke ihn fälschlicherweise als ethnische Gruppe und nicht als Religionsgemeinschaft auffassen – dazu einmal mehr an anderer Stelle.) 

Diese Agenda ist in eine spirituelle Tiefenstruktur eingebettet, von der Linke in der Regel etwas verstehen noch hören wollen.

Sehen wir dazul in die Bibel. So heißt es bei Markus:

Erfüllt vom Heiligen Geist, verließ Jesus die Jordangegend. Darauf führte ihn der Geist vierzig Tage lang in der Wüste umher,und dabei wurde Jesus vom Teufel in Versuchung geführt. Die ganze Zeit über aß er nichts; als aber die vierzig Tage vorüber waren, hatte er Hunger. Da sagte der Teufel zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so befiehl diesem Stein, zu Brot zu werden. Jesus antwortete ihm: In der Schrift heißt es: Der Mensch lebt nicht nur von Brot. Da führte ihn der Teufel (auf einen Berg) hinauf und zeigte ihm in einem einzigen Augenblick alle Reiche der Erde. Und er sagte zu ihm: All die Macht und Herrlichkeit dieser Reiche will ich dir geben; denn sie sind mir überlassen und ich gebe sie, wem ich will. Wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest, wird dir alles gehören.

Der Teufel ist Materialist und will, dass Jesus Gott aufgibt, damit er im Diesseits schlussendliche Erfüllung findet.

Es ist unschwer zu erkennen, dass der ideologische Übervater der Linken Karl Marx im 19. Jahrhundert eine ins Politische gewendete Version der teuflischen Botschaft verkündete. Marx sprach davon, das „Opium“ der Religion müsse verschwinden, damit die Menschheit im diesseitigen „paradiesischen“ Kommunismus ihre Erfüllung fände. Die Geschichte lehrt, dass sich Marx (und seine Epigonen) mit dem Leibhaftigen eine Rolle teilte: Die des böswilligen Verführers.

Nicht unerwähnt sollte bleiben, dass auch Karl Marx antisemitisch gehetzt hat. Er beschimpfte nicht nur Gegner innerhalb der sozialistischen Bewegung aufgrund ihrer jüdischen Herkunft („der jüdische Nigger Lassalle“), sondern sah auch einen strukturellen Zusammenhang zwischen Judentum und kapitalistischer Ausbeutung – wie es auch später für den Antisemitismus der Nazis prägend war.

Fazit: Rechter, linker und islamischer Antisemitismus teilen gemeinsame ideologische Versatzstücke

Auch wenn es auch aus linker Ecke üble judenfeindliche Attacken gibt, gilt der »benefit of the doubt«. Die meisten Linken hetzen tatsächlich primär „nur“ gegen den Staat Israel und nicht gegen das jüdische Volk. Was für Linke aber sehr unangenehm sein sollte: Wird im rechten und islamistischen Spektrum antisemitisch argumentiert, trägt dies im Gesamtkonzept stets Züge einer Ideologie, wie sie auch in der Linken stark vorkommt.

Der moderne Antisemitismus, egal aus welcher Richtung er kommt, baut nämlich stets auf den folgenden drei Grundsätzen auf: 1. Kollektivismus. 2. Chauvinismus 3. Anti-Kapitalismus.

Das heißt: Der Nazi träumt vom Kollektiv der „Volksgemeinschaft“; der Salafist von der „Umma“ (also Weltgemeinschaft aller Muslime); der Marxist von der „Diktatur des Proletariats“. Das Kollektiv ist im jeweiligen Denken jedem Zweifel erhaben und immer moralisch überlegen. Die Marktwirtschaft ist demnach schlecht, weil sie innerhalb eines Kollektivs Unterschiede zwischen Individuen hervortreten lässt – beispielsweise an Fleiß und Begabung – und damit seine Homogenität  gefährdet.

Da das eigene Kollektiv in diesem Denkstil für die eigenen Probleme nicht verantwortlich sein kann, braucht es eine Gestalt des Bösen, die von außen kommt und „schlechte Einflüsse“ wie die Marktwirtschaft in das Kollektiv hineinbringt. Für Antisemiten jeglicher Couleur ist das klar: „Der Jude“.

Wer also dem derzeit wachsenden Antisemitismus seinen ideologischen Nährboden entziehen will, tut gut daran, eine solche Form von Kollektivismus abzulehnen.

Und wer sich zu Israel (oder auch zu einem beliebigen anderen Land) äußert, sollte stets die gebotene Differenzierung zwischen Staat, Regierung und Bevölkerung einhalten.

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