Ideengeschichte

Staat & Nation II: Der Nationalstaat und seine Gegner

Die Konzepte Nation und Nationalstaat treffen häufig auf unerbittliche Gegnerschaft. Dabei werden verschiedene Argumente vorgebracht, die wie folgt zur Sprache kommen sollen.

Der frohe Blick in die Zukunft heilt die Wunden der Vergangenheit.  

Der eine ist mit den historischen Traumata zu Beginn des letzten Jahrhunderts verbunden, wie mit den Irrungen wie Missbräuchen des Nationalgedankens zu dieser Zeit. Die Empfindung von Schuld resultiert bei manchen in der Negierung dessen, was mit der Schuld verbunden ist.

Den im Namen der Nation oder auf Basis von nationalistischer Propaganda begangenen Verbrechen wird aus dem Weg gegangen, in dem die Nation per se in Abrede gestellt wird. Eine solche Motivation wäre genauso unreif, wie die Haltung derjenigen „Fliegenschiss-Patrioten“, welche von bestimmten Teilen der Vergangenheit nichts mehr hören wollen.

Die richtige Antwort ist, sich des positiven wie des negativen Teils der Geschichte gewahr zu sein und danach zu handeln. Selbsthass kann niemals Therapie sein – weder auf individueller, noch auf kollektiver Ebene.

Das Ende des Nationalstaats würde nicht in den Weltfrieden führen – sondern ins Chaos.

Andere sehen die Historie und deren Schrecken, die unter nationalen Vorzeichen geschahen und wollen mit der Nation auch diese Gefahren endgültig bannen. Ein naheliegender wie falscher Schluss, da sich mit dem Ende der Nation wieder andere Kollektive bilden würden. Seien es religiöse, ethnische oder regionale, die für unsere heutige Zeit weit mehr Gefahren in sich bergen.

Im Zuge der im 20. Jahrhundert entstandenen Denkrichtung des Dekonstruktivismus wird das Denken in Gruppen und Kollektiven an sich abgelehnt. Begründet wird dies damit, dass sie einerseits willkürlich seien und andererseits zu Ablehnungen von Gruppen gegeneinander oder von Gruppen gegenüber von Minderheiten führten. Dazu ist zu sagen, dass für Dekonstruktivisten im Grunde alles willkürlich ist und sich andererseits so gut wie nichts unter Einbeziehung jeder Perspektive absolut und präzise definieren lässt.

Im Großen und Ganzen und über einen längeren Zeitraum betrachtet, stellen die Nationen Europas dabei sehr stabile, intuitive gewachsene Formen dar. Dies lässt sich empirisch belegen. Und den Vorwurf des Gegeneinanders ist damit zu begegnen, dass nur, weil ein Mechaniker in erster Linie seinem Vorteil bei der Arbeit nachgeht, es doch noch lange nicht heißt, dass dies nicht auch zum Vorteil von anderen gereicht. Genau so wenig wie aus jeder Familie eine Mafia entsteht auch wenn viele mafiöse Strukturen die Familie als zentralen Baustein haben.

Den „Mensch an sich“, jenseits eines jeglichen Gruppen- oder Kollektivbezugs hat es nie gegeben. Es widerspricht den Annahmen der Anthropologie, der Neurologie und der Psychologie. Hier wieder den Versuch der Schaffung eines neuen Menschen nachzugehen ist auch für das 21. Jahrhundert verfehlt und trüge Opfer in sich, die wir uns gar nicht ausdenken können. Das Nationale ist leichter im Nationalstaat zu integrieren und kanalisieren, als abzuschaffen. Auf das Gesamtsystem kommt es an.

Der Nationalstaat ist mehr als eine Idee oder ein Stück Papier.

Die letzte Kategorie der Gegner umfasst Politiker, Technokraten und Intellektuelle, denen die Staats- und Gesellschaftskonzeptes Bindung an das Volk entweder lästig ist, oder die bewusst an der Schaffung eines abstrakten Konzeptes arbeiten wollen: Einen rein wertebasierten Verfassungs- und Verwaltungsstaat, deren Werte sie liefern, deren Verfassung sie maßgeblich gestalten und in dessen Verwaltung oder Kommentierung sie ein auskommen suchen.

Vergessen wird dabei allzu oft, dass es nie einen rein auf Ideen basierten, demokratischen Staat gab. Auch die USA gewann ihre Stärke und Ihren Zusammenhalt aus der Herausbildung einer Nation, auch wenn diese stark von europäischen Entwicklungen abweicht. Und auch das post-revolutionäre Frankreich ist ohne den Gedanken der Grande Nation nicht zu denken.

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